Die neuen Corona-Massnahmen auf dem Prüfstand

Sinn und Unsinn der neuen Massnahmen

Ein Kommentar von Daniel F.

06.12.2020

Der Bundesrat hat am 4. Dezember 2020 neue Massnahmen beschlossen, welche ab dem 9. Dezember 2020 in Kraft treten. Über Sinn oder Unsinn dieser Massnahmen wird an dieser Stelle Bezug genommen.


Die neuen Massnahmen im Überblick:


Neu müssen grössere Läden ihre Anzahl an Kunden beschränken; von 4m2 auf 10m2 pro Kunde. Skigebiete benötigen für den Betrieb eine Bewilligung des Kantons (Schutzkonzept) und sind angehalten, strenge Massnahmen durchzusetzen. Dazu gehören zum Beispiel: Maskenpflicht auf allen Bahnen und Liften und beim Anstehen; die Besetzung der Plätze einer Gondel ist auf 2/3 limitiert; der Restaurantzutritt (Innenbereich) ist nur bei frei verfügbaren Tischen gestattet. Das Singen ist im Freien und in Innenräumen verboten. Davon ausgenommen ist das Singen in obligatorischen Schulen und im Familienkreis. Ebenfalls sind professionelle Chöre und Sängerinnen und Sänger von dieser Regelung befreit. Restaurants müssen Kontaktdaten ihrer Gäste obligatorisch erfassen. In der Silvesternacht wird die Sperrstunde von 23 Uhr auf 1 Uhr verlängert. Des Weiteren empfiehlt der Bundesrat, Treffen auf zwei Haushalte zu reduzieren sowie ins Homeoffice zu wechseln.


Die neuen Massnahmen auf dem Prüfstand:


Die Kundenbeschränkung für die Läden ist überzogen. Gerade in grösseren Läden kann der Mindestabstand von 1.5 Meter grundsätzlich eingehalten werden. Beim Anstehen an der Kasse kann dieser Abstand zwar auch kleiner werden, doch für eine Virustransmission ist in den meisten Fällen ein enger Kontakt mit einer infizierten Person während mind. 15 Minuten nötig. Durch die korrekte Anwendung des Mundnasenschutzes sind die Kunden auch an der Kasse vor einer Tröpfcheninfektion geschützt. Übrigens: Über den Nutzen von Masken im Community-Setting haben wir bereits berichtet.


Ein Schutzkonzept der Skigebiete macht zweifellos Sinn und soll auch unbedingt Voraussetzung für die Aufnahme des Betriebes sein. Auch beim Restaurantzuritt (Innenbereich) bei nur freien Tischen ist ein Nutzen erkennbar. Denn warum es beim Coronavirus insbesondere im Winter und in Innenräumen zu Transmissionen kommt, können sie hier nachlesen. Die Regelung mit der Limitierung der Gondelplätze scheint willkürlich. Fakt ist: Ein kleiner Innenraum, insbesondere im Winter, stellt eine sehr günstige Voraussetzung für eine Virusübertragung dar. Die sportliche Aktivität fördert zudem das Abatmen von Aerosolen. Ein korrektes Tragen der Masken (was bei sportlichen Aktivitäten sehr unrealistisch ist; bspw. Durchnässung durch Schweiss), eine Beschränkung der Fahrt auf meist wenige Minuten sowie meistens eine Belüftungsmöglichkeit in Gondeln mögen diesem Aspekt zwar in gewisser Art und Weise entgegenwirken, das Risiko einer Ansteckung kann aber bei längeren Gondel-Aufenthalten - zum Beispiel im Rahmen technischer Störungen - nicht ausgeschlossen werden. Eine Limitierung der Plätze auf 2/3 ist dabei ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Eröffnung der Skigebiete ist aus wirtschaftlicher Sicht erfreulich, es bleibt aber abzuwarten, inwiefern dies Auswirkungen auf die Fallzahlen haben wird.


Das Singverbot scheint hinsichtlich Nutzen relativ trivial. Zwar werden beim Singen mehr Aerosole abgeatmet und eine Missachtung der Abstände gefördert, doch ein «Game Changer» wird das Verbot sicherlich nicht. Diese Massnahme gleicht ein wenig einem Verzweiflungsakt - die Fallzahlen sollen über die Feiertage unbedingt mit günstigen (und unsinnigen?) Massnahmen tief gehalten werden. Dazu gehört auch die Verlängerung der Sperrstunde in der Silvesternacht. Zwar hat der Bundesrat empfohlen, das Treffen auf zwei Haushalte zu reduzieren, was aus epidemiologischer Sicht absolut nachvollziehbar ist, zumal sich gemäss BAG viele Leute bei einem Familienmitglied und auf privaten Feiern anstecken. Ein grosser Teil wird dieser Empfehlung aber realistisch betrachtet nicht nachkommen (insb. der nicht vulnerable Teil der Bevölkerung) – zu sehr sehnen sich die Menschen nach Geselligkeit.


Die obligatorische Erfassung der Kundendaten bei einem Restaurantaufenthalt dient dem späteren Contact Tracing und macht so gesehen Sinn. Aus Datenschutzgründen werden diese in der Regel nach wenigen Wochen vernichtet. Doch es bleibt abzuwarten, wie seriös die Angaben von Kunden schlussendlich gemacht werden.


Summa summarum: Die Schweiz ist trotz internationaler Kritik bis jetzt nicht schlecht gefahren. So konnte sie bisher die Überlastung des Gesundheitswesens abwenden. Zwar beklagt die Schweiz im internationalen Vergleich mehr Todesfälle; der Erfolg von Massnahmen während einer Pandemie misst sich aber nicht nur an den Todesfällen. Weitere Parameter wie die Erhaltung der Freiheit sowie wirtschaftliche Aspekte müssen miteinbezogen und nach Ende der Pandemie als Ganzes betrachtet werden. Andere Leute präferieren strengere Massnahmen, andere wiederum wollen ihre Freiheit um jeden Preis verteidigen. Bei dieser Debatte gibt es – auch aus ethischen Gründen - kein richtig und kein falsch. Mit dem schweizerischen Föderalismus haben wir ein gutes System, um die Bremse in denjenigen Kantonen anzuziehen, wo dies nötig ist, ohne unnötigerweise die Kantone auszubremsen, die ihre Fallzahlen im Griff haben.


Mit den neuen Massnahmen will die Schweiz mit dem bisherigen Weg fortfahren. Die neuen Massnahmen sind gewiss kein «Game Changer». Ziel sollte es sein, die Bevölkerung mit den bisherigen Massnahmen (Hygieneregeln, Abstand, korrekte Anwendung des Mundnasenschutzes) abzuholen, was natürlich bei gewissen Zielgruppen ein schier unmögliches Unterfangen darstellt. Als «second line» können immer noch die Kantone die Massnahmen verschärfen. Es bleibt definitiv spannend.

Quellen:

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/massnahmen-des-bundes.html

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Kontaktperson/Management.html

https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/news/news-02-08-2020.html

https://www.srf.ch/news/schweiz/hohe-uebersterblichkeit-corona-tote-schweiz-steht-im-laender-vergleich-schlecht-da


Bild: lfm.ch

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