Impfgegner, Impfskeptiker und die Fakten zur Impfung

Aktualisiert: 5. Dez 2020


Ein Kommentar von Daniel F.

29.11.2020

Impfskeptiker und Impfgegner gab es schon immer. Seit der Covid-19-Pandemie scheint deren Anzahl aber drastisch zugenommen zu haben. Die Gründe sind vielfältig und reichen von berechtigter Skepsis bis zur absoluten Verschwörungstheorie: Der Körper soll die Chance bekommen, selber mit dem Virus fertig zu werden; die Impfung gehe nicht selten mit dramatischen Nebenwirkungen einher; mit der Corona-Impfung werde ein Mikrochip zur Überwachung appliziert.


Bevor wir uns mit den aktuellen Corona-Impfstoffen befassen, werfen wir einen Blick auf den Nutzen der Masernimpfung. In den frühen 1960er Jahren kam es jährlich zu geschätzten 135 Millionen Maserninfektionen und 6 Millionen Todesfällen. Allein in den Vereinigten Staaten traten in den 50er Jahren jährlich ca. 3-4 Millionen Masernfälle auf. Nach Schätzungen konnte die Masernimpfung zwischen 2000 und 2017 weltweit rund 21 Millionen Todesfälle verhindern. Zwar hat dafür auch die Verbesserung der Hygienefaktoren und des Lebensstandards einen wesentlichen Beitrag geleistet, der Effekt von Impfungen ist aber aus wissenschaftlicher Sicht unbestritten.


Von den Infizierten bekommen 98% hohes Fieber und einen unangenehmen Ausschlag, 8% leiden an gefährlichem Durchfall (Dehydrierung), 7% bekommen eine Mittelohrentzündung, in 6% aller Fälle kommt es zu einer Lungenentzündung, 0,1% erkranken an einer Enzephalitis (Entzündung des Gehirns) und 0,025% entwickeln eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE; entzündliche, neurodegenerative Erkrankung des Gehirns mit progredienter Symptomatik; Todeseintritt innert Monaten oder wenigen Jahren). Bei Schwangeren besteht die Gefahr einer Frühgeburt oder eines Spontanaborts. Eine spezifische Therapie gegen Masern gibt es nicht. In entwickelten Ländern beträgt die Letalität der Masernerkrankung zwischen 0,01% und 0,1%.


Die Nebenwirkungen der MMR-Impfung (Masern, Mumps und Röteln; Kombinationsimpfstoff) setzen sich hingegen folgendermassen zusammen: Ca. zehn Prozent bekommen Fieber, 5%, leiden unter einem leichten Ausschlag, 0,001% entwickeln eine ernste allergischen Reaktion, 0,0001% können eine Genitalentzündung und ebenso viele eine Enzephalitis bekommen. Durch die gute medizinische Versorgung können die Nebenwirkungen in der Regel sehr gut behandelt werden. Es findet sich lediglich eine sehr kleine Anzahl an dokumentierten Todesfällen durch die MMR-Impfung.


Die Basisreproduktionszahl des Masernvirus beträgt ca. 15, d.h. ein infiziertes Kind steckt im Schnitt 15 weitere Kinder an. In endemischen Regionen würden sich folglich zahlreiche Menschen mit dem Virus anstecken und die Komplikationen der Maserninfektion würde im Vergleich zu den Nebenwirkungen der MMR-Impfung drastisch überwiegen. Damit eine Herdenimmunität gewährleistet werden kann, muss der Mindestanteil an Immunisierten 83-94% betragen. 2018 wurde die Masern-Impfrate in der Schweiz mit 89% angegeben. Es besteht also noch immer ein gewisses Restrisiko, dass ein ungeimpftes Kind oder ein ungeimpfter Erwachsener in der Schweiz Masern bekommt. Impfgegner profitieren bei dieser Erkrankung zwar massgeblich von der Herdenimmunität, sollte deren Anzahl aber massiv zunehmen, resultieren aus diesen Impflücken auch immer mehr Transmissionen. Die Leidtragenden wären dann wiederum die Impfgegner, da sie keinen immunologischen Schutz durch die Impfung aufweisen. Das Virus würde interessanterweise für Impfbefürworter selektionieren, da, wie gesagt, dadurch mehr Impfgegner sterben würden und somit weniger Impfgegner vorhanden wären. Ergo schiessen sich die Impfgegner ins eigene Bein.


Nüchtern betrachtet spricht also vieles für eine Impfung. Doch wie sieht dies bei den aktuellen Corona-Impfstoffen aus? Am 18. November 2020 gab Pfizer Inc. und BioNTech bekannt, dass die Abschlussanalyse im Rahmen ihrer laufenden Phase-3-Studie stattgefunden habe. Der mRNA-basierte Impfstoff BNT162b2 zeigte in Probanden ohne vorherige SARS-CoV-2-Infektion einen 95%-tigen Impfschutz. Zum Vergleich: Bei der MMR-Impfung wird in 93 bis 99 % aller Fälle eine protektive Immunität erreicht. Aufgrund der im Alter auftretenden Immunseneszenz (Abschwächung der Immunantwort) nimmt erfahrungsgemäss die Impferfolgsrate ab. Nach Angaben von BioNTech war allerdings die Wirksamkeit über alle Altersgruppen hin konsistent. Bislang habe das unabhängige Data Monitoring Committee auch keine schwerwiegenden Nebenwirkungen feststellen können. Eine Untersuchung der entblindeten Daten zur Impfstoffreaktion in einer randomisierten Subgruppe der finalen Phase-2/3-Analyse mit mindestens 8.000 der über 18-jährigen Probanden zeigte eine gute Verträglichkeit. Als schwere Nebenwirkungen (3. Grades) sind lediglich Erschöpfung mit 3,8 % sowie Kopfschmerzen mit 2,0 % nach der zweiten Dosis zu nennen. Diese Zwischenergebnisse sind offen gesagt sehr vielversprechend. Da nun aber 41.135 Probanden bis zum 13. November bereits die zweite Dosis des Impfstoffs erhalten haben, bleibt abzuwarten, ob es bei diesem positiven Zwischenergebnis auch bleibt. Denn der Hersteller steht im Wettbewerb mit zahlreichen anderen Firmen. Eine vorläufige Schönung der Resultate kann also nicht ausgeschlossen werden, weshalb man geduldig auf die endgültigen Resultate warten sollte.


BNT162b2 gehört zu den neuartigen mRNA-Impfstoffen. Die im Impfstoff enthaltene Boten-RNA enthält den Bauplan für das Spike-Protein des Coronavirus. Nachdem unsere Zellen ebendiese mRNA translatiert, d.h. in das Spike-Protein umgewandelt haben, wird das Protein auf der Zelloberfläche präsentiert, wo das Immunsystem dieses als fremd erkennt und dann entsprechende Antikörper bildet. Vorteil der RNA-Vakzine ist, dass sie deutlich schneller produziert werden können als konventionelle Impfstoffe. Denn sobald die RNA oder DNA des Erregers vollständig sequenziert ist, können die Genabschnitte der Strukturproteine identifiziert und entsprechende mRNA-Kopien hergestellt werden. Die komplexe Anzucht des Erregers, wie es bei den konventionellen Impfstoffen der Fall ist, entfällt. Wichtig: Die mRNA wird dabei nicht in das menschliche Genom integriert.


Beim Impfstoff Pandemrix gegen die Schweinegrippe Influenza A/H1N1 kam es in ganz seltenen Fällen zur Narkolepsie. Derartige Nebenwirkungen sind aber eine Rarität. Sie werden in der Regel erst nach der Einführung des Impfstoffes entdeckt. Vergleichbare, schwerwiegendste Nebenwirkungen (z. B. Guillain-Barré-Syndrom) mit potenzieller Todesfolge sind aber auch bei den Corona-Impfstoffen möglich.


Sollten sich die endgültigen Ergebnisse von BioNTech bestätigen, spricht wenig gegen eine Impfung. Die Vorteile einer Impfung scheinen – Stand jetzt - die Nachteile einer Covid-19-Infektion klar zu überwiegen. Auf eine Impfpflicht sollte jedoch im Sinne einer Bewahrung der Selbstbestimmung unbedingt verzichtet werden. Gegenüber Impfungen darf und soll man sogar kritisch sein. Leider ist der Grat zwischen Kritik und Verschwörungstheorie oftmals sehr schmal. Jede Bürgerin und jeder Bürger steht in der Pflicht, sich Informationen aus verschiedenen Quellen einzuholen und sich unter Umständen auch mit komplexen Sachverhalten (z. B. Wirkungsweise des Immunsystems) auseinanderzusetzen, um danach eigenständig zu entscheiden, ob man sich impfen lassen möchte oder nicht.


Quellen:


https://de.wikipedia.org/wiki/Masern#Amerika

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Bedeutung/Schutzimpfungen_20_Einwaende.html;jsessionid=2CA076F88F44E2659DF81F187E6809D7.internet071#doc2378400bodyText19

https://www.msdmanuals.com/de/heim/gesundheitsprobleme-von-kindern/virusinfektionen-bei-s%C3%A4uglingen-und-kindern/subakute-sklerosierende-panenzephalitis-sspe

https://www.infovac.ch/docs/public/masern-rougeole-mumps-oreillons-roteln-rubeole/4-masern-zuhause-bleiben.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Masern#Masern_und_Schwangerschaft

https://de.wikipedia.org/wiki/Herdenimmunit%C3%A4t

https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Masern.html

https://www.infovac.ch/de/impfunge/nach-krankheiten-geordnet/masern#:~:text=Da%20die%20Impfrate%20noch%20nicht,Epidemien%20treten%20immer%20wieder%20auf.

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/118189/SARS-CoV-2-Impfstoff-von-Biontech-Pfizer-verhindert-in-Phase-3-Studie-mehr-als-90-der-bestaetigten-Infektionen

https://investors.biontech.de/de/news-releases/news-release-details/pfizer-und-biontech-schliessen-phase-3-studie-erfolgreich-ab-0

https://flexikon.doccheck.com/de/RNA-Vakzine¨

https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=mRNA-Impfstoffe

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/63356/Grippeimpfung-Wie-Pandemrix-eine-Narkolepsie-ausloest

https://www.tagesschau.de/inland/corona-impfstoff-119.html

https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/so-lange-braucht-die-entwicklung-eines-coronavirus-impfstoffs/

Quellensammlung von "kurzgesagt": https://sites.google.com/view/quellen-impfen/


Bild: zhaw.ch






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