NNN: Nowitschok, Nawalny & Nord Stream 2

Aktualisiert: 6. Dez 2020

Die Wirkung von Kampfgiften und eine voreilige Schuldzuweisung

Ein Kommentar von Daniel F.

21.11.2020

Am 20. August 2020 brach der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny während eines Fluges von Tomsk nach Moskau zusammen. Der Verdacht auf eine Vergiftung und auf eine mögliche Beteiligung der russischen Regierung kam bereits früh auf - und so überschlugen sich die Ereignisse innert weniger Tage. Bundeskanzlerin Merkel forderte Russland zur Aufklärung der Tat auf und bot eine Behandlung Nawalnys in Deutschland an. Die russische Regierung überlieferte den Oppositionspolitiker schliesslich an die Charité. Dortige Befunde wiesen zunächst auf eine Intoxikation durch einen Cholinesterase-Hemmer hin. Am 2. September 2020 verkündete die deutsche Bundesregierung, ein Speziallabor der Bundeswehr habe zweifelsfrei ein Toxin der Nowitschok-Gruppe aus einer in der Charité entnommenen Probe Nawalnys nachgewiesen. Am 14. September teilte die Bundesregierung mit, Spezial-Labore in Frankreich und Schweden hätten unabhängig voneinander die Vergiftung mit einem Kampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe bestätigt. Am 6. Oktober bestätigte dann auch die Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW) eine Vergiftung Nawalnys mit einer Nowitschok-Variante. Im Oktober wurden die ersten Sanktionen der EU gegen russische Personen verübt, deren Beteiligung als sicher schien. So viel zur Ausgangslage.


Der gezielte Einsatz von Neurotoxinen als Tötungsmittel reicht weit zurück. 399 v. Chr. wurde der griechische Philosoph Sokrates durch den Schierlingsbecher hingerichtet. Der darin enthaltene Wirkstoff Coniin führt zur Lähmung der Atemmuskulatur bei vollem Bewusstsein. Die Todesursache bei einer Vergiftung mit Nowitschok führt gleichermassen zum Tode durch eine Atemlähmung.


Im Grunde genommen ist Nowitschok der Überbegriff chemischer Nervenkampfstoffe, die im Rahmen eines geheimen russischen Militärprojekts in den 1970ern mit dem Namen FOLIANT entwickelt und mindestens bis in die 1990er weiter erforscht wurden. Der Großteil des heutigen Wissens zu diesen Verbindungen stammt aus Memoiren eines russischen Chemikers, der an der Entwicklung dieser Kampfstoffe beteiligt war.


Um zu verstehen, wieso der Einsatz von Kampfstoffen wie Nowitschok so verpönt ist und international immer wieder Schlagzeilen macht, müssen wir deren pharmakologische Wirkung genauer studieren. Nowitschok hemmt irreversibel die Acetylcholinesterase – ein Enzym, das den Neurotransmitter Acetylcholin abbaut, wodurch dessen Aktivität sistiert. Durch die Hemmung dieses Enzyms kommt es zu einer Akkumulation von Acetylcholin im synaptischen Spalt und an der motorischen Endplatte. Die zahlreichen Acetylcholin-Moleküle docken nun an verschiedenen Rezeptoren an und führen durch ihre unglaubliche Anzahl zu einer Überstimmulierung verschiedenster Zellen. Das Problem: Acetylcholin übt im Körper zahlreiche Funktionen aus, sodass eine Vergiftung mit Nowitschok auch zu zahlreichen Symptomen führt. Im militärischen bzw. terroristischen Kontext erfolgt meist eine inhalative Exposition; der Kampfstoff erreicht als Aerosol zuerst die Augen und die Schleimhaut der oberen Atemwege. Symptome sind Myosis (Pupillenengstellung) mit teilweiser Einschränkung der Sicht, starker Tränenfluss, Rhinorrhoe (laufende Nase), Bronchorrhoe (Sekretbildung in den Bronchien) sowie Bronchokonstriktion (Verengung der Bronchien). Über die Alveolen (Lungenbläschen) gelangt der Wirkstoff letztlich ins Blut und verteilt sich im ganzen Körper. Kurz darauf treten gastrointestinale Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Abdominalkrämpfe auf. Die im Zentralnervensystem vermittelte Wirkung von Acetylcholin führt zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Verwirrung oder Schwindel. Die Überreizung der neuromuskulären Endplatte (Kontaktstelle zwischen Nerven- und Muskelzelle) führt zu Muskelkrämpfen und damit einhergehend zu einem starken Energieverbrauch der Skelettmuskulatur und einem Anstieg des C02-Gehalts im Körper. Nachdem die Energiespeicher im Muskel aufgebraucht sind, tritt der gegenteilige Effekt ein - eine Muskelerschlaffung ist die Folge. Die Lähmung der Atemmuskulatur, die Bronchokonstriktion, die Bronchorrhoe und die zentrale Atemlähmung schränken allesamt die Atemfunktion massiv ein. Eine endogene CO2 Narkose (Ersticken) führt schliesslich zum Tod. Des Weiteren sind auch noch andere Wirkungen mit potenziell chronischen Schäden denkbar, zumal es aus verständlichen Gründen keine Studien über die Wirkung von Nowitschok im menschlichen Körper gibt.


Um die Symptome zu lindern, muss man dafür sorgen, dass Acetylcholin nicht mehr wirken kann. Der dafür eingesetzte Wirkstoff heisst Atropin. Er dockt an Acetylcholin-Rezeptoren an und verdrängt die Bindungsstelle für das eigentliche Acetylcholin. Alexei Nawalny wurde nach der Notlandung in Omsk in der Klinik No. 1 mit ebendiesem Wirkstoff behandelt, der ihm vermutlich das Leben gerettet hat. Eine zweite Möglichkeit stellt der Abbau von Acetylcholin dar. Obidoximchlorid kann die durch Nowitschok blockierte Acetylcholinesterase wieder reaktivieren, wodurch das Enzym das überschüssige Acetylcholin wieder abbauen kann. Sowohl Atropin als auch Obidoximchlorid sind Wirkstoffe des ComboPen, der u.a. auch im Militär zum Einsatz kommt.


Die Verwendung eines Acetylcholinesterase-Hemmers wie Nowitschok scheint gemäss vorherigen Schilderungen den Fokus auf das Töten zu legen. Aber tatsächlich werden einige AChE-Hemmer, die sich selbstverständlich chemisch von Nowitschok, Sarin und Co. unterscheiden, auch therapeutisch eingesetzt. So werden beispielsweise Rivastigmin und Donepezil bei demenziellen Erkrankungen wie Alzheimer eingesetzt. Bei der Myasthenia Gravis, einer autoimmunen neuromuskulären Erkrankung, kommen AChE-Hemmer wie Pyridostigmin oder Neostigmin zum Tragen. Ob sich ein chemischer Stoff als Therapeutikum eignet, hängt also nicht nur davon ab, welches Target (z.B. die AChE) dieser bindet, sondern auch, in welcher Form er mit diesem Target interagiert und in welcher Dosis der Stoff verabreicht wird (Die Dosis macht das Gift). Nowitschok hat vermutlich einen LD50-Wert von etwa 1 mg/kg und ist damit wahrscheinlich die giftigste von Menschenhand geschaffene Substanz überhaupt.


Nachdem wir nun die Grundlagen von Nowitschok kennen, erlauben wir uns, kritische Fragen zu stellen. Am 17. September gab Nawalnys Team bekannt, dass Spuren von Nowitschok auf einer Mineralwasserflasche (Sekundärquelle), die sich im Hotelzimmer von Nawalny befand, festgestellt worden seien. Dies bedeutet, dass der Wirkstoff eine lange Zeit nach der Tat immer noch feststellbar war. Sarin, ein ähnlicher Kampfstoff, wirkt schnell, verdampft schnell und verschwindet auch schnell. In Wasser und Säuren ist der Stoff löslich und zersetzt sich innerhalb von Tagen oder sogar Stunden. Jedoch ist je nach chemischer Modifizierung und je nach Umweltfaktoren eine Änderung der Stoffeigenschaft denkbar, was ein möglicher später Nachweis erklären würde. Grundsätzlich muss man sich aber folgende Fragen stellen: Wieso sollte Russland einen Kampfstoff wie Nowitschok einsetzen, der erstens eine klare russischen Beteiligung impliziert und zweitens so lange nach der Tat noch nachweisbar ist? Einzig denkbare Gründe wären eine Machtdemonstration der Russen und/oder eine Unterschätzung der Detektionsfähigkeit der westlichen Nationen. Da Russland grundsätzlich Sanktionen wie der Stopp von Nord Stream 2 seitens der EU befürchten muss, würde das Land bei einem Einsatz von Kampfstoffen – egal aus welchen Motiven - den Kürzeren ziehen.


Da weder Primärquelle noch die genauen pharmakologischen Eigenschaften des eingesetzten Nowitschok bekannt sind, ist ein Rückschluss auf den genauen Tathergang inkl. Tatort und Zeitpunkt reine Spekulation.


Für die Herstellung vieler Organophosphat-Kampfstoffen ist nur ein erschreckend geringer apparativer Aufwand sowie ein Minimum an fachlicher Expertise nötig. Bei Nowitschok, das ebenfalls zu den Organophosphaten gehört, scheint dies jedoch nicht ganz klar zu sein. Laut Mirsajanow besitzen nur wenige Länder die wissenschaftlich-technischen Ressourcen für die Herstellung von Nowitschok – eine Aussage, die schwierig zu überprüfen ist. Bekannt ist, dass Kampfstoffe der Nowitschok-Gruppe in den 90er Jahren an mutmassliche Kriminelle verkauft worden waren. Diese sogenannten binären Kampfstoffe sind sehr stabil und können Jahrzehnte gelagert werden. 2016 synthetisierten iranische Wissenschaftler fünf Nowitschok-Derivate, um für die Kontrolle und Abwehr von Nervenkampfstoffen chromatografisch-massenspektrometrische Daten zu gewinnen. Mehrere andere Länder und womöglich auch nichtstaatliche Organisationen haben demnach die Fähigkeit, Nowitschok herzustellen.


Und schliesslich ist da noch die Intransparenz der deutschen Bundesregierung. Diese wollte den Großteil der Ermittlungsakten zur Beweissicherung und aus „Vertraulichkeitsgepflogenheiten“ nicht herausgeben – auch nicht an die OPCW. Zu gross sei die Gefahr, eigene Fähigkeiten preiszugeben. Man stelle sich jetzt vor, Russland und Deutschland stehen vor Gericht und das vermeintliche Beweismittel wird vom Kläger nicht vorgelegt. Der Richter aber ignoriert nun den Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» und beschliesst trotz ernüchternder Beweislage eine Sanktionen gegen Russland. Sanktionen sollten niemals nur aufgrund von Vermutungen verübt werden. Man erinnere sich an das Giftfläschen von Colin Powell im Jahre 2003, das als eine Begründung für die Rechtfertigung des Irakkrieges missbraucht worden war. Dieser Vorfall zeigt die mögliche Diskrepanz zwischen Vermutung und Tatsache.


Wer also war nun für den Einsatz von Nowitschok und die Vergiftung Nawalnys verantwortlich? Die Russen? Möglich. Oder war es ein anderer Akteur? Ebenfalls möglich. Dieser Vorfall wird mit grosser Wahrscheinlichkeit nie aufgedeckt werden. Aber es lohnt sich – wie immer – beide Seiten der Geschichte anzuhören und kritische Fragen zu stellen. Denn wie Aesop einst sagte:


"Jede Wahrheit hat zwei Seiten. Wir sollten uns beide Seiten anschauen, bevor wir uns für das eine entscheiden."

Quellen:


https://edoc.ub.uni-muenchen.de/23391/1/Sichler_Sonja.pdf

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/ciuz.202010004

https://de.wikipedia.org/wiki/Schierlingsbecher

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexei_Anatoljewitsch_Nawalny#Giftanschlag_auf_Nawalny

https://www.dw.com/de/giftgas-nachweis-viele-indizien-erbringen-den-beweis/a-43434919

https://www.spektrum.de/wissen/fuenf-antworten-zu-nowitschok-kampfstoffen/1551364

https://de.wikipedia.org/wiki/Nowitschok




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